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Ich war  nervös. Der Termin für den Antritt rückte immer näher. Keine Ahnung, was alles auf mich zu kommen würde. Allein unter Männern! Würde ich viele Blicke auf mich ziehen? Wie muss ich mich verhalten, wenn ich dort ankomme? Was tragen die Häftlinge? Erkenne ich sie? Wird meine Tasche kontrolliert? Werde ich jetzt auf Herz und Nieren überprüft? Eine Welle der Gefühle überkam mich. Ein tosender Ozean! Meter hohe Wellen, die sich nicht abflachten. Und dann war es soweit.

Vor dem Tor stehend, sah ich ein Schild auf dem stand: “Bitte anmelden”. Aber das Tor war nicht verschlossen. Man konnte einfach über die Schwelle treten und war im Knast. Ich blickte noch einmal zum Parkplatz, wo ich mein Auto abgestellt hatte. Ein Blick in die Wohnsiedlung verriet, dass es hier sehr friedlich zu sein schien. Also hob ich den Kopf und ging selbstbewusst über die Schwelle des Tors, geradezu auf das Gebäude der Justiz. Ich öffnete die Tür, spazierte hinein und zog nervös meinen Ausweis aus der Tasche. Dort hing ein Schild. Handy aus? Oh ja, ich musste mein Handy ausmachen. Ich halte mich hier lieber an alle Regeln.

Eine Justizbeamtin begrüßte mich freundlich und fragte, wie sie mir helfen könne. Innerlich habe ich meinen Satz gestammelt. Dann hob ich die Brust und sagte mit selbstbewusster Stimme, dass ich einen Termin beim Anstaltsleiter habe. Mein Name sei Steves und der Termin ist um 13:00 Uhr. Die freundlich lächelnde Dame griff zum Hörer und rief die Vorzimmerdame des Leiters an. “Alles klar, dann schicke ich Frau Steves zu Ihnen!” “Frau Steves, Sie können in das Verwaltungsgebäude gehen, Sie werden dort empfangen.”

Nachdem sie mir den Weg erklärt hat auf dem 13 ha großen Gelände, machte ich mich zu Fuß auf. Bis zur T-Kreuzung, dann links und immer geradeaus. Es regnete in Strömen und ich hatte keinen Schirm dabei. Den muss ich wohl vor lauter Aufregung vergessen haben. Zu Hause! Für einen “Knast” war hier draußen aber mächtig was los. Mir kamen viele Männer entgegen. Alle bewegten sich frei herum. Na klar, es ist ja auch eine offene Vollzugsanstalt. Aber dazu später mehr.

Einige trugen braune Pullover und Arbeitsschuhe. Sind das etwa Häftlinge? Die jungen Männer begrüßten mich alle lächelnd und höflich. Eine halbe Ewigkeit später war ich endlich an dem Gebäude angekommen. Die Vorzimmerdame empfing mich freundlich und mit einem Lächeln. Sie brachte mich direkt zum Büro des Anstaltsleiters. Nach wenigen Minuten öffnete er die Tür und begrüßte mich mit einem strahlenden “Hi”. In seinem Büro fühlte ich mich sicher. Ein großer Konferenztisch, auf dem zwei Gedecke für Kaffee standen. Viele Bilder an den Wänden, natürlich ein großes Bücherregal und ein sehr aufgeräumter Schreibtisch. Wir setzten uns und waren sofort in diverse Gesprächsthemen vertieft.

Warum bin ich eigentlich hier, wollt ihr sicher wissen.

Weil ich ein ehrenamtliches Projekt plane in der JVA Castrop-Rauxel. Und dazu muss man natürlich jede Menge klären, sich die Anstalt ansehen und einen ersten Eindruck verschaffen. Ich bekomme also einen Rundgang über die 13 ha, die wirklich liebevoll angelegt sind. Die Arbeitsräume, die Kfz-Werkstatt, vorbei an den Wohnhäusern, der Gärtnerei und dem großen Auslauf für Gänse und Ziegen. Man könnte meinen, dass es eine große Parkanlage mit Wohnhäusern wäre. Ja, sogar einen kleinen Imbisswagen gibt es dort. Ich laufe also die ganze Zeit an der Seite des Leiters Julius Wandelt durch die Anstalt, vorbei an Häftlingen und Wärtern. Immer wieder frage ich, ob das auch einer sei, denn manchmal kann man die Häftlinge nicht von “denen da draußen” unterscheiden. Und so nimmt meine Anspannung ab.

Ich werde in den kommenden Wochen sicherlich das Projekt vorstellen und hier einige Bildserien zeigen. Zuviel wird vorerst nicht verraten. Und wenn sich jetzt Jemand fragt, warum ich das mache, dann, weil diese Menschen Menschen sind.

 

Leben ohne Freiheit ist wie ein Körper ohne Seele.

Khalil Gibran